Bd. I · Heft 03 · Mai 2026
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Markt · Mai 2026

Sanitätshaus Stolle, Sanitätshaus Aktuell und 5.500 Familienunternehmen: Anatomie des DACH-Sanitätshaus-Markts 2026

Zwischen Filialisten wie Stolle, Genossenschaftsverbünden wie Sanitätshaus Aktuell und einer mittelständisch geprägten Versorgungslandschaft entfaltet sich ein DACH-Markt, der 2026 ein GKV-Hilfsmittelvolumen von rund 7,2 Milliarden Euro umfasst. Industriell getragen wird er von einer Handvoll Hersteller, die international agieren – und trotzdem ihre Wurzeln in deutschen Mittelstädten haben.

Wer den DACH-Sanitätshaus-Markt 2026 verstehen will, muss zwei scheinbar widersprüchliche Beobachtungen zugleich akzeptieren: Erstens handelt es sich um einen Markt, der industriell von einer Handvoll global agierender Hersteller dominiert wird – Ottobock in Duderstadt, Bauerfeind in Zeulenroda-Triebes, Juzo in Aichach, Medi in Bayreuth. Zweitens ist die Versorgungsebene, also der direkte Kontakt zur versorgten Person, weiterhin in hohem Maße mittelständisch und familiengeführt. Diese Doppelstruktur ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer historischen Entwicklung, die ihren Anfang in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts genommen hat und die durch die Massenversorgung nach den Weltkriegen, durch die deutsche Wiedervereinigung und durch die GKV-Ausschreibungsdynamik der vergangenen zwei Jahrzehnte geprägt wurde.

Die Filialisten: Stolle, Bauer, Carstens

Sanitätshaus Stolle ist das am häufigsten genannte Beispiel, wenn von „Filialisten” im DACH-Sanitätshaus-Markt die Rede ist. Gegründet 1900 in Hamburg, hat sich Stolle über fünf Generationen von einer Hamburger Werkstatt zu einem norddeutsch und in den vergangenen Jahren zunehmend bundesweit verankerten Versorgungsunternehmen entwickelt. Stand 2026 betreibt Stolle rund 200 Filialen im DACH-Raum und beschäftigt rund 1.300 Mitarbeiter:innen. Das Profil des Hauses ist klassisch breit: Orthopädie-Technik, Orthopädieschuh-Technik, Reha-Technik, Kompressionsversorgung, Pflegehilfsmittel; spezialisierte Versorgungszentren in den größeren Filialen, Standardversorgung in den kleineren Niederlassungen. Stolle gilt versorgungspolitisch als einer der Marktteilnehmer, die sich an größeren GKV-Ausschreibungen aktiv beteiligen und die durch Größeneffekte in Einkauf, Logistik und Werkstattauslastung wettbewerbsfähig bleiben.

Sanitätshaus Bauer mit Stammsitz im schwäbischen Schwäbisch Hall ist ein deutlich anderes Beispiel: Gegründet 1907 als orthopädiehandwerkliche Werkstatt, hat Bauer eine süddeutsch verankerte Expansionsdynamik entwickelt, ohne in den Bereich der Hunderten von Filialen vorzustoßen, der für Stolle charakteristisch ist. Bauer steht – ebenso wie eine Reihe regional verankerter Häuser wie Carstens, Pohlig, Häussler oder Wittlich – für ein Versorgungsmodell, das auf wenigen Dutzend Standorten, einer hohen Werkstatt-Tiefenfertigung und einer engen Bindung an regionale Kliniken aufbaut. Diese mittelgroße Filialisten-Schicht ist ökonomisch oft am stärksten unter Druck: Zu klein für die ganz großen Ausschreibungen, zu groß für die Nische der lokalen Einzelversorgung, müssen sie ihre Position über Spezialisierung – etwa in der Kinderorthopädie, in der Sportprothetik oder in der Neuroorthetik – verteidigen.

Die Verbünde: Aktuell, egroh, reha team

Eine genuine deutsche Antwort auf die Größenfrage des Sanitätshaus-Markts sind die Verbünde. Sanitätshaus Aktuell, 1990 als Genossenschaft selbstständiger Sanitätshäuser gegründet, ist Stand 2026 mit rund 1.300 Mitgliedsbetrieben der größte dieser Verbünde im DACH-Raum. Aktuell organisiert für seine Mitglieder zentrale Einkaufsfunktionen, GKV-Vertragsmanagement, IT-Lösungen, Schulungen und Marketing – ohne dass die Mitgliedshäuser ihre Eigenständigkeit aufgeben müssen. Das Modell hat in den 2010er Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen, weil es kleinen und mittleren Häusern ermöglichte, an Ausschreibungen teilzunehmen, deren Volumen einzelne Häuser logistisch und administrativ überfordert hätten.

Der zweitgrößte Verbund ist egroh, eine ebenfalls genossenschaftliche Organisation mit Stand 2026 rund 280 Mitgliedsbetrieben, gegründet in den 1990er Jahren und mit Schwerpunkt im süd- und westdeutschen Raum. reha team, der dritte im Bunde, organisiert rund 200 Mitgliedsbetriebe mit besonderem Fokus auf Reha-Technik – also Rollstühle, Mobilitätshilfen, individuell angepasste Sitzschalen, ambulante Versorgung. Daneben existieren kleinere regionale Verbünde und Einkaufskooperationen, die zusammen ein Versorgungssystem bilden, das die Größenvorteile der Filialisten teilweise auch dem inhabergeführten Mittelstand zugänglich macht.

Die Familienunternehmen: 5.500 Häuser DACH

Hinter den Filialisten und Verbünden steht in DACH ein Versorgungssegment, das im Sinne der Versorgungsökonomie schwer zu greifen ist, aber die statistische Mehrheit stellt: rund 5.500 Sanitätshäuser im DACH-Raum, Stand 2026. Die ganz überwiegende Mehrheit dieser Häuser ist familiengeführt, in der zweiten oder dritten Generation, mit Mitarbeiterzahlen zwischen drei und dreißig. Sie sind in den Versorgungsregionen vor Ort verankert, kennen die lokalen Kliniken, die niedergelassenen Orthopäd:innen, Phlebolog:innen und Allgemeinmediziner:innen, die hausärztlichen Pflegedienste und die regionalen Pflegekassen-Außenstellen.

Diese Schicht des Markts ist seit Jahren durch eine doppelte Dynamik geprägt. Auf der einen Seite steht eine demografisch bedingte Nachfragesteigerung: Eine alternde DACH-Bevölkerung – allein in Deutschland Stand 2026 rund 5 Millionen Pflegebedürftige – treibt die Hilfsmittelnachfrage strukturell nach oben. Auf der anderen Seite steht eine vom Gesetzgeber und den Krankenkassen ausgelöste Konsolidierungsdynamik: GKV-Ausschreibungen bevorzugen tendenziell größere Anbieter mit standardisierten Versorgungsprozessen; die MDR-Umsetzung hat die regulatorischen Anforderungen an Dokumentation und Qualitätsmanagement deutlich erhöht; und die fortschreitende Digitalisierung der Verordnungs- und Abrechnungspfade verlangt Investitionen in IT-Infrastruktur, die kleine Häuser allein kaum leisten können. Die Antwort des Mittelstands auf diese Dynamik ist – neben der Mitgliedschaft in Verbünden – häufig eine Spezialisierung: in der Brustprothetik, in der Sportkompression, in der Kindersitzschalentechnik, in der Lipödemversorgung.

Die Hersteller-Welt: vier Häuser, vier Geschichten

Auf der industriellen Seite des DACH-Sanitätshaus-Markts dominieren – Stand 2026 – vier Hersteller, die zusammen einen erheblichen Anteil der relevanten Produktkategorien abdecken. Ottobock aus dem niedersächsischen Duderstadt, 1919 gegründet, ist mit rund 9.000 Mitarbeiter:innen weltweit und einem Umsatz im Bereich von 1,2 Milliarden Euro der mit Abstand größte Anbieter im Segment Prothetik und Orthetik. Das Unternehmen ist – nach jahrzehntelang inhabergeführter Tradition – heute mehrheitlich im Familienbesitz, in den vergangenen Jahren ergänzt um eine Beteiligung des schwedischen Finanzinvestors EQT, was zu einer Diskussion über Marktkonzentration und Versorgerunabhängigkeit beigetragen hat.

Bauerfeind aus dem thüringischen Zeulenroda-Triebes, gegründet 1929, beschäftigt rund 2.500 Mitarbeiter:innen und erzielt einen Umsatz im Bereich von 320 Millionen Euro. Das Unternehmen ist nach der Wende 1989/90 unter der Familie Bauerfeind reorganisiert worden und steht heute für eine breite Palette aus Bandagen, Orthesen, Kompressionsstrümpfen und orthopädischen Einlagen. Juzo aus Aichach und Medi aus Bayreuth ergänzen das Quartett im Segment Kompressionsversorgung, Bandagen und Orthesen mit jeweils unterschiedlichen Stärken: Juzo mit seiner traditionellen Profilierung im flachgestrickten Spezialsegment, Medi mit einer breiten Produktpalette, die von der Kompressionsversorgung über Orthesen bis hin zu digitalen Versorgungstools reicht.

Diese vier Hersteller bilden den industriellen Kern der DACH-Hilfsmittelversorgung – ergänzt um spezialisierte Anbieter aus angrenzenden Ländern (Sigvaris aus der Schweiz im Kompressionsbereich, Össur aus Island in der Prothetik) und um eine längere Liste kleinerer DACH-Hersteller, die in Spezialsegmenten – Brustprothetik, Stomaversorgung, Inkontinenzversorgung, Reha-Technik – ihren Platz haben.

Das Gesamtvolumen: rund 7,2 Milliarden Euro

In der Summe umfasst der GKV-Hilfsmittel-Versorgungsmarkt in Deutschland Stand 2026 ein Volumen im Bereich von 7,2 Milliarden Euro. Hinzu kommen die SGB-XI-Pflegehilfsmittel-Ausgaben, die Selbstzahler-Anteile und die Mehrkostenversorgungen, die je nach Schätzungsmethode weitere 1 bis 2 Milliarden Euro ausmachen. Für Österreich und die Schweiz liegen die Volumina – proportional zur Bevölkerung und mit teilweise abweichender Versorgungsstruktur – bei rund 600 Millionen Euro beziehungsweise rund 900 Millionen Schweizer Franken. Damit ist die DACH-Hilfsmittelversorgung – gemessen am Volumen – einer der bedeutendsten europäischen Märkte, der allerdings im Vergleich zur Pharmaversorgung oder zur Krankenhausversorgung politisch und medial bisweilen unter dem Radar bleibt.

Die strukturelle Verteilung dieses Volumens auf die Marktsegmente folgt einer Logik, die die demografische Realität spiegelt: Den größten Einzelposten bilden Inkontinenzversorgung, Stomaversorgung und Mobilitätshilfen – Versorgungsbereiche, die mit der Alterung der Bevölkerung überproportional wachsen. Prothetik und Orthetik sind volumenmäßig kleiner, aber technologisch besonders sichtbar; Kompressionsversorgung und orthopädische Einlagenversorgung bilden ein breites mittleres Segment.

Demografie als langfristiger Treiber

Die Verschiebung der Altersstruktur in DACH ist der wohl bedeutendste strukturelle Treiber des Marktes. Allein in Deutschland erreicht die Generation der zwischen 1955 und 1970 Geborenen – die geburtenstarke Nachkriegsjahrgangsschicht – in den 2020er und 2030er Jahren das Alter, in dem chronische Erkrankungen, Mobilitätseinschränkungen und Pflegebedarf statistisch deutlich zunehmen. Die rund 5 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland Stand 2026 dürften nach allen vorliegenden Szenarien bis 2035 auf 6 bis 6,5 Millionen ansteigen. Für die DACH-Hilfsmittelversorgung bedeutet das ein Nachfragepotential, das in den kommenden zehn Jahren weiter wachsen wird – allerdings unter erhöhtem ökonomischem Druck durch die Finanzierungssituation der Pflegeversicherung und die Verhandlungsmacht der Krankenkassen.

BIV-OT, eurocom und die Verbandslandschaft

Die berufsständische Selbstorganisation des DACH-Sanitätshaus-Markts ist ein eigenes Geflecht. Auf deutscher Versorgerseite ist der Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik (BIV-OT) die maßgebliche Organisation; er vertritt die Innungen der Orthopädietechnik-Mechaniker in den Bundesländern, organisiert die Berufsausbildung, das Meisterwesen und die fachpolitische Vertretung gegenüber dem GKV-Spitzenverband und den Bundesministerien. Auf Industrieseite ist eurocom der entsprechende Wirtschaftsverband, der die Interessen der Hilfsmittelhersteller bündelt; daneben existieren spezialisierte Fachverbände – BVMed für die breitere Medizinprodukte-Industrie, der Bundesverband Sanitätshaus-Aktuell als verbundinterne Organisation, der Verband der Pflegehilfsmittel-Versorger und mehrere weitere.

In Österreich übernimmt diese Funktion die Wirtschaftskammer mit ihrer Fachgruppe Orthopädietechnik, in der Schweiz der Schweizerische Verband der Orthopädietechnik SVOT. Diese Verbandslandschaft ist – versorgungspolitisch betrachtet – ein wichtiger Stabilisator: Sie organisiert die Berufsfortbildung, sie verhandelt Festbeträge und Vertragsstandards mit den Krankenkassen, sie betreut die Fachmessen wie die OTWorld in Leipzig, die alle zwei Jahre als internationaler Branchentreffpunkt fungiert, und sie sorgt für eine kontinuierliche fachliche Selbstverständigung in einem Markt, der von außen oft unsichtbar bleibt.

Berufsbildung als unsichtbares Fundament

Hinter der ökonomischen Anatomie des DACH-Sanitätshaus-Markts steht ein berufsbildendes Fundament, das in den volkswirtschaftlichen Statistiken meist nicht in Erscheinung tritt, ohne das jedoch keine einzige Versorgung möglich wäre: die Ausbildung der Orthopädietechnik-Mechaniker:innen, Orthopädieschuhmacher:innen und Reha-Techniker:innen. In Deutschland ist die Orthopädietechnik-Mechanik ein anerkannter Ausbildungsberuf nach dem Berufsbildungsgesetz mit einer dreieinhalbjährigen dualen Ausbildung; die Meisterprüfung qualifiziert zur eigenverantwortlichen Werkstattführung und zur Versorgung anspruchsvoller Indikationen. In Österreich und in der Schweiz existieren strukturell ähnliche Berufsbilder mit teilweise abweichender Ausbildungsdauer und Curriculum.

Diese handwerkliche Tiefe ist – im internationalen Vergleich – eine DACH-Besonderheit. In vielen anderen europäischen Märkten ist die orthopädietechnische Versorgung stärker industriell organisiert; im DACH-Raum bleibt sie durch die duale Ausbildung mit der Werkstatt vor Ort verbunden. Das ist ein Wettbewerbsvorteil, weil es eine hohe Versorgungstiefe ermöglicht – und gleichzeitig ein Risiko, weil der Fachkräftemangel in der Orthopädietechnik in den vergangenen Jahren spürbar geworden ist und die berufsständischen Verbände – BIV-OT in Deutschland, ÖGOT in Österreich, ASOT in der Schweiz – mit Nachwuchskampagnen, Umschulungsprogrammen und einer Aufwertung des Berufsbildes gegensteuern.

Konsolidierung und das, was bleibt

Die kommenden Jahre werden mit einiger Wahrscheinlichkeit weitere Konsolidierungsschritte mit sich bringen. Auf der Versorgungsebene dürften die Verbünde weiter wachsen, die Filialisten ihre Marktanteile ausbauen, und die kleinen Häuser ihren Platz über Spezialisierung verteidigen. Auf der Herstellerseite sind die strategischen Kombinationen zwischen Familienunternehmen und Finanzinvestoren – wie im Fall Ottobock und EQT – ein Vorzeichen einer Internationalisierung, die das DACH-Cluster Duderstadt-Zeulenroda-Aichach-Bayreuth weiter vernetzt mit globalen Wertschöpfungsketten.

Bemerkenswert bleibt, dass der DACH-Sanitätshaus-Markt trotz aller Konsolidierungsdynamik im internationalen Vergleich weiterhin eine außergewöhnlich dezentrale, handwerklich verankerte und mittelständisch dominierte Struktur aufweist. Während in einigen anderen europäischen Märkten zentralstaatliche Beschaffungsverfahren oder große Einzelhandelsketten die Versorgung organisieren, ist die DACH-Versorgung weiterhin ein System, in dem der unmittelbare Kontakt zwischen Versorger:in und versorgter Person – am Werkstatttresen, in der Probierkabine, beim Hausbesuch – die Versorgungslogik prägt. Ob dieses Modell die kommenden Reformwellen unverändert übersteht oder ob die Digitalisierung der Versorgungsverfahren, die KI-gestützte Diagnostik und die zunehmenden GKV-Ausschreibungen das Bild substanziell verschieben werden, ist eine Frage, die der DACH-Markt 2026 noch nicht beantwortet hat – die er aber, im Lauf des kommenden Jahrzehnts, beantworten werden müsse.


Ressort: Markt